Acht bis zehn Millisekunden – das ist die Zeit, die eine Echtzeitüberweisung dauert. In dieser Zeit müssen die Banken überprüfen, ob es sich bei dem Geldtransfer um einen Betrug handeln könnte. Wenn die Systeme den Auftrag als verdächtig einstufen und erneut überprüfen, haben sie bis zu zehn Sekunden Zeit zu entscheiden. Bestehen weiterhin Zweifel, wird der Transfer entweder abgelehnt oder an einen Mitarbeitenden zur Prüfung weitergegeben. Wie anfällig dieses gesamte System für Betrug ist, machte Ende August ein Sicherheitsvorfall im Zusammenhang mit einem großen Online-Finanzdienstleister bewusst. Laut verschiedener Quellen fischten Betrüger zunächst Millionen Daten von Kundinnen und Kunden und stellten sie ins Darknet. Dann begannen die Kriminellen offensichtlich, Banken mit Fake-Online-Überweisungen zu bombardieren. Die Rede war von betrügerischen Geldtransfers in Höhe von mehreren Milliarden Euro. Schließlich sperrten viele Banken den Finanzdienstleister und cancelten die Überweisungsaufträge. Da viele der Transfers nicht überprüft werden konnten, haben die Banken ihre Kunden aufgerufen, Konten auf unberechtigte Abbuchungen zu kontrollieren. Weil Millionen von Menschen auf Services eines einzelnen Finanzdienstleisters – oder auf ein Internetkaufhaus oder auf einen Kreditkartenanbieter – vertrauen, entstehen katastrophale Schäden, wenn solch ein Coup durchgeführt wird oder sogar gelingt.
Die Schäden aus Cybercrime entsprechen einem Drittel der Steuereinnahmen.
Hunderte Milliarden Euro werden im Cyberwar verbrannt
Der Lobbyverband der IT-Industrie schätzt für das Jahr 2024 die Höhe aller Schäden auf rund 267 Milliarden Euro – bei einem Gesamtumsatz der deutschen Industrie von 2,14 Billionen Euro. Eine weitere Zahl zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt erzielten Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2024 Steuereinnahmen in Höhe von 861,1 Milliarden Euro. Die Industrie selbst investiert rund 10 Milliarden Euro in den Kampf gegen die Cyberangriffe. Dieser Betrag wird in den nächsten Jahren erheblich steigen. Für die Umsetzung der Pflichten im NIS-2-Gesetzentwurf rechnet die Bundesregierung mit einem „jährlichen Erfüllungsaufwand“ für die Wirtschaft in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro plus einem „einmaligen Aufwand von rund 2,1 Milliarden Euro“. Gleichzeitig berichten viele Expertinnen und Experten, dass das Sicherheitsbewusstsein bei vielen Geschäftsführern oder Managern gegen null geht. Sie möchten das Thema am liebsten innerhalb der Hierarchie nach möglichst weit unten delegieren – und stellen damit die Existenz ihrer Organisation zur Disposition.
Managed Security Services und Security Operations Center
Auch deshalb verschärfen EU und die Nationalstaaten ihre Gesetzgebung – NIS-2, CER, KRITIS. Hinzu kommen Bestimmungen und Richtlinien, die auf bestimmte Branchen zugeschnitten sind. Und die von den Unternehmen verlangen, sich immer wieder neu auf die Bedrohungslage einzustellen. Und wenn ausreichend viele Unternehmen schließlich ihre Cyberstrategien überdenken und umstellen, kann dies der sehr verspätete Beginn der Transformation zur Cyber-Nation werden.
Denn die Cyber-Nation wird ohne Cybersicherheit nicht existieren. Die Liste der Voraussetzungen ist lang – und an dieser Stelle unvollständig. Aber als essenziell gelten souveräne Clouds und abgeschottete Datenräume, sichere Produktentwicklung und geschützte Lieferketten. Das Ziel ist eine digitale Zukunft ohne staatlich angeordnete Spionage, ohne Sabotage oder Datendiebstahl. In dieser komplexen Welt versuchen die Verantwortlichen, eine konsistente und umfassende Strategie zu entwickeln. Hierfür können sie aus einem breiten Angebot wählen; von Zutrittskontrolle mit Videoüberwachung über Security Operations Center bis hin zu Forensik, Strafverfolgung und Schadenszahlungen.
KI verteilt vertrauliche Daten großflächig in den Netzwerken.
Cybersicherheit für Unternehmen: Compliance und „Shadow KI“
Und neue Technologien verändern die möglichen und echten Bedrohungen in immer kürzeren Takten. Nur kurze Zeit nachdem künstliche Intelligenz in den Abteilungen und bei den Mitarbeitenden angekommen ist, gilt sie als eine der größten Sicherheitsherausforderungen überhaupt. In den meisten Szenarien warnen die Experten vor den KI-Gefahren von außen, etwa mit Deepfakes. Aber inzwischen gibt es auch klare Warnungen, dass bei der Arbeit mit KI geheime Daten aus dem Unternehmen katapultiert werden.
Die IT-Verantwortlichen müssen eine Lösung dafür finden, dass es ganze Abteilungen gibt, die mit Online-Sprachmodellen arbeiten. Rechtsabteilungen, Finanzabteilungen, Software-Entwickler kopieren vertrauliche Daten oder geistiges Eigentum in die Modelle, um mit den Ergebnissen zu arbeiten. Doch KI-Systeme haben ein Doppelleben. Sie schicken Resultate an die Anwender zurück, gleichzeitig „trainieren“ sie sich selbst mit den fremden Daten. Auf diese Weise gewinnen sie Erkenntnisse, die sie wiederum mit anderen Anwendern teilen. So werden vertrauliche Daten großflächig über die Datennetze und innerhalb der Clouds verteilt.