Der neue Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat gleich in seiner ersten Rede im Bundestag klargestellt: Die flächendeckende Versorgung mit Glasfaser und 5G-Mobilfunk sowie moderner Rechenzentren sind die Grundlage für eine innovative Wirtschaft und Gesellschaft. Der Ausbau dieser digitalen Infrastruktur in Deutschland schreitet zwar voran, bleibt im internationalen Vergleich jedoch hinter vielen Staaten zurück: Im „Digital Quality of Life Index 2024“ des Cybersecurity-Unternehmens Surfshark kommt Deutschland in der Kategorie digitale Infrastruktur lediglich auf Platz 11 (von 121 Staaten).1 Auf den ersten Plätzen landen die USA, die Niederlande und Dänemark.
Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu stärken, sind also Investitionen in die digitale Infrastruktur dringend nötig. Die Bereitschaft der Politik dazu ist vorhanden: Das im März beschlossene Infrastruktur-Sondervermögen stellt über einen Zeitraum von zwölf Jahren 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Die genaue Verteilung dieser Summe steht zwar noch nicht fest, neben dem Verkehrsnetz sowie dem Klimaschutz und der Gesundheitsversorgung soll jedoch auch die digitale Infrastruktur von dem Sondervermögen profitieren. Doch das Geld allein wird keine Investitionswende bringen. Auch die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. So sollen zum Beispiel durch eine Novellierung des Telekommunikationsgesetzes die Genehmigungsverfahren für den Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen beschleunigt werden.
Breitband für alle
Nach Ansicht der Industrie- und Handelskammern zählen leistungsstarke Breitbandanschlüsse, die eine schnelle Datenübertragung per Internet ermöglichen, zu den „entscheidenden harten Standortfaktoren für Unternehmen“. Doch die in Deutschland immer noch vorherrschenden Internet-Anschlüsse über Kupferkabel (DSL) erlauben im Download gerade einmal Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 250 Megabit pro Sekunde. Unternehmen mit vielen Mitarbeitern, in denen Videokonferenzen, Cloud-Anwendungen oder andere große Datenübertragungen regelmäßig zum Einsatz kommen, brauchen mehr – zum Beispiel Glasfaseranschlüsse, die Download-Geschwindigkeiten von bis zu 1.000 Megabit pro Sekunde ermöglichen. Besonders ländliche Regionen und die östlichen Bundesländer sind schlechter mit solchen schnellen Zugängen ausgestattet als städtische Regionen und die westlichen Bundesländer.
Das Ziel der Gigabitstrategie des Bundes lautet, bis Ende 2030 Glasfaseranschlüsse flächendeckend bereitzustellen.2 Zur Wahrheit gehört aber auch: Mitte 2024 hatten laut dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat 43,2 Prozent der deutschen Haushalte prinzipiell Zugang zu Glasfaser, aber lediglich 5,9 Prozent nutzten tatsächlich einen Glasfaseranschluss. Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge liegt Deutschland bei den aktiven Glasfaseranschlüssen weit unter dem OECD-Durchschnitt.
Leistungsstarke Breitbandanschlüsse sind entscheidende Standortfaktoren für Unternehmen.
Mobilfunk mit Bremsen
Auch der Ausbaustand im Mobilfunk ist verbesserungswürdig. Der Mobilfunkstandard 2G steht in Deutschland nahezu flächendeckend zur Verfügung. Die leistungsfähigeren Standards 4G und 5G versorgen laut der Bundesnetzagentur bereits 97,6 Prozent beziehungsweise 94,2 Prozent der Fläche Deutschlands (Stand: April 2024). Dennoch erreicht das deutsche Mobilfunknetz im „Global Network Excellence Index (2025)“ des Analyseunternehmens Opensignal nur Platz 31 (von 132 Staaten).3 Auf den ersten drei Plätzen befinden sich Dänemark, Südkorea und Finnland. Deutschland kommt bei der Verfügbarkeit zwar auf einen recht guten 15. Platz. Die relativ niedrigen Download-Geschwindigkeiten ziehen das Gesamtergebnis jedoch herunter. Weitere Investitionen in das deutsche Mobilfunknetz sind vor allem deshalb nötig, weil für Anwendungen wie autonome Fahrzeuge, smarte Fabriken und Augmented Reality höhere Übertragungsgeschwindigkeiten und geringere Verzögerungen erforderlich sind, als dies derzeit möglich ist.
Digitale Infrastruktur und moderne Verwaltung
Die Digitalisierung der Verwaltung ist hierzulande weniger weit fortgeschritten als in den meisten anderen EU-Staaten: In den entsprechenden Kategorien des Berichts „State of the Digital Decade (2024)“ der Europäischen Kommission erreicht Deutschland nur Plätze im hinteren Drittel.4 Das seit 2020 geltende Onlinezugangsgesetz verpflichtet zwar alle Behörden, bis Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen auch digital anzubieten. Nach Zählungen der Arbeitgeber-Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft waren allerdings im Februar 2025 lediglich 196 der 575 betroffenen staatlichen Leistungen tatsächlich bundesweit digital verfügbar. Digitalminister Wildberger will dafür sorgen, dass die Verwaltung den Bürgern besseren Service anbieten kann. Erreichen möchte er dies unter anderem mithilfe des „Deutschland-Stack“, eines modularen Baukastens aus IT-Basiskomponenten (wie Cloud-Diensten und Identitätsmanagement-Lösungen), die eine einheitliche digitale Infrastruktur für die öffentlichen Verwaltungen von Bund, Ländern und Kommunen ermöglichen sollen.
Digitale Unabhängigkeit
Bei Cloud-Diensten, Büro-Software und künstlicher Intelligenz dominieren derzeit US-amerikanische Anbieter. Beispielsweise kontrollieren die drei Tech-Giganten Amazon, Microsoft und Google 72 Prozent des europäischen Cloud-Marktes (laut der Unternehmensberatung BDO). Europäische Anbieter kommen nur auf einen Marktanteil von 13 Prozent. Diese technologische Abhängigkeit bringt Risiken mit sich für den Datenschutz und für die politische Handlungsfreiheit. Es gibt diverse deutsche und europäische Projekte, die Alternativen zu den US-amerikanischen Diensten entwickeln wollen. Allerdings benötigen sie Unterstützung, um den finanziell übermächtigen US-Konkurrenten etwas entgegensetzen zu können. Der Digitalbranchenverband Bitkom fordert daher, 50 Milliarden Euro aus dem Infrastruktur-Sondervermögen für digitale Schlüsseltechnologien und Infrastrukturen zu verwenden, „die einerseits Deutschlands Position auf den Weltmärkten verbessern und andererseits die technologische Unabhängigkeit stärken“.