Mutter mit Sohn in Garage laden E-Auto nach Einkauf

Elektrische Mobilität

Luft nach oben

Der Markt wächst, die Infrastruktur zieht nach, die Technologie reift, doch für den endgültigen Durchbruch der Elektromobilität in Deutschland braucht es mehr Tempo, klare Industriepolitik und konsequente Investitionen. Bei Erfolg der Transformation winken sauberere Städte, eine unabhängigere Energieversorgung und neue wirtschaftliche Stärke.

JB
· 2025
Erschienen in

Mobilität

am 20. Oktober 2025 in „Handelsblatt“
In Deutschland denken viele Menschen zunächst ans Auto, wenn von Mobilität die Rede ist. Aus gutem Grund, denn die Fahrzeugindustrie ist eine Schlüsselbranche, die viel Beschäftigung schafft und für Wohlstand sorgt. Doch wenn wir den Blick zu sehr auf das klassische...

Die Nachfrage nach Elektroautos nimmt 2025 kräftig Fahrt auf. Im August meldete das Kraftfahrt-Bundesamt 39.367 neue reine Batterie-Pkw (BEV). Das entspricht einem Anteil von 19 Prozent und einem Zuwachs von fast 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch im gesamten ersten Halbjahr 2025 zeigt sich eine positive Dynamik: Laut dem Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres über 297.000 Stromer neu zugelassen, 38 Prozent mehr im Vergleich zu 2024. Ausschlaggebend ist vor allem das größere Angebot in günstigeren Einstiegssegmenten, das neue Käufergruppen anspricht und die Nachfrage breiter streut. Ein positiver Nebeneffekt: Der durchschnittliche CO₂-Ausstoß sank um knapp elf Prozent auf 105 Gramm je Kilometer – ein klarer Fortschritt für Klimaziele und grüne Mobilität.

Elektrische Mobilität: Knackpunkt Ladeinfrastruktur

Bis 2030 sollen in Deutschland 15 Millionen E-Fahrzeuge auf der Straße sein, so das Ziel der vormaligen Bundesregierung. Doch der Durchbruch der E-Mobilität als Schlüsseltechnologie für die Verkehrswende hängt nicht allein von der Zahl der Autos ab. Es ist auch das Zusammenspiel aus Batterietechnik und Ladeinfrastruktur. Batterien gelten als Herzstück der Verkehrswende: Neue Architekturen mit 800 Volt, Fortschritte bei Lithium-Eisenphosphat und erste Pilotprojekte für Festkörperzellen versprechen kürzere Ladezeiten, größere Reichweiten und weniger Abhängigkeit von teuren Rohstoffen wie Kobalt.

Nun der Blick auf die Ladeinfrastruktur als weitere zentrale Säule für die Anziehungskraft der Elektromobilität. Zwar wächst die Zahl der Ladepunkte, doch für den echten Durchbruch braucht es verlässliche Schnellladehubs, intelligente Netzintegration und eine einheitliche Nutzererfahrung. Laut einer Fraunhofer-Studie ist dafür vor allem Ladeinfrastruktur am Wohnort entscheidend. Doch gerade bei den rund 3,5 Millionen Mehrfamilienhäusern sowie den zwei Millionen Nichtwohngebäuden wie Büros, Supermärkten oder Parkhäusern besteht Nachholbedarf. Nur wenn dort Lademöglichkeiten geschaffen und die Stromnetze für hohe Lasten ertüchtigt werden, kann der Markthochlauf gelingen.

 

Bis 2030 sollen in Deutschland 15 Millionen E-Fahrzeuge auf der Straße sein.

Strom teurer als Benzin

Es bleiben weitere Stolpersteine. So belasten hohe Strompreise an Schnellladesäulen die Attraktivität der E-Mobilität: Je nach Anbieter kostet die Kilowattstunde zwischen 49 und 60 Cent, deutlich mehr als heimisches Laden oder auch die derzeitigen Kosten für Benzin. Gleichzeitig steht die Automobilindustrie vor einer Herkulesaufgabe: Produktionslinien müssen neu ausgerichtet, Kapazitäten aufgebaut und Lieferketten auf nachhaltige Rohstoffe umgestellt werden. Erst wenn Infrastruktur, Kosten und Industrie im Gleichschritt vorankommen, kann der Durchbruch gelingen.

Neue Mobilität ist Versprechen

Die Folgen eines Wandels werden weit über das Auto hinaus sichtbar sein: Städte profitieren von saubererer Luft, weniger Lärm und sinkenden CO₂-Emissionen. Stromnetze können dank Vehicle-to-Grid-Technologien E-Autos als mobile Speicher nutzen, um Schwankungen bei erneuerbaren Energien abzufedern und Versorgungssicherheit zu erhöhen. Volkswirtschaftlich sinkt die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten. Dies ist ein entscheidender Vorteil in geopolitisch unruhigen Zeiten, der zugleich Chancen für neue Märkte und Arbeitsplätze schafft.