Oberirdische Gasleitungen

Erdgasversorgung

Bislang keine Energiesouveränität bei Erdgas

Für Produktionsunternehmen ist mit Blick auf die ESG-Berichte und den CO₂-Footprint wichtig, aus welchen Quellen die genutzte Energie stammt. Doch die Rückverfolgung des eingekauften Erdgases ist nicht einfach. Für alle, die ihr Erdgas nach ethischen Richtlinien kaufen, gibt es Alternativen zu russischem Erdgas. Um sicher zu sein, können sich die Unternehmen bivalent aufstellen, also Energien aus wechselnden Quellen nutzen.

Christian Raum
· 2025
Erschienen in

Klimaschutz und Energiewende

am 21. Mai 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Mit welchen Methoden und Strategien die Bundesregierung die Klimaziele bis zum Jahr 2030 erreichen möchte, wird sie in den nächsten Wochen erklären. Für die Regierenden gilt es zu bedenken, dass Hunderttausende Menschen mit großem Mut und hohen Investitionen in neue...

Die Lieferungen von Flüssiggas aus Russland sind ein Dauerthema. Jetzt startet eine neue Initiative, innerhalb der nächsten zwei Jahre kein Erdgas aus Russland mehr zu importieren. Dabei bezieht Deutschland offiziell überhaupt kein Erdgas aus Russland. Allerdings fließen große Mengen in der TurkStream-Pipeline nach Europa. Russisches LNG wird über Häfen in Nachbarländern angelandet und weiter nach Deutschland geliefert. Hier wird es auf dem Spotmarkt angeboten. Für die Einkäufer in den Unternehmen ist schwer nachzuvollziehen, aus welchen Quellen das an einem bestimmten Tag gelieferte Gas stammt. Wie unübersichtlich die Situation ist, zeigte sich beim Befüllen der deutschen Gasspeicher im vergangenen Jahr. Die damalige Bundesregierung musste auf Anfrage gegenüber dem Bundestag zugeben, dass ihr zum Weitertransport und Verbrauch des russischen LNG oder Flüssigerdgases in Europa keine Informationen vorliegen. Die Regierung konnte deshalb auch keine Aussage über den prozentualen Anteil russischer Importe am gekauften und eingespeicherten Gas machen. Hier ist also die Expertise von Spezialisten gefragt, die den Markt täglich beobachten und verstehen.

 

Beim Erdgas ist die EU von Russland abhängig.

Schon gewusst?

Die sogenannten Marktgebietsverantwortlichen sind gegenüber der Bundesregierung für das Füllen der Gasspeicher verantwortlich. Laut Bundesregierung kann es zu der Situation kommen, das es notwendig ist, das Erdgas zu überhöhten Preisen zu kaufen. Die Kosten für das gespeicherte Erdgas werden über die Gasspeicherumlage weitergegeben. Die Umlage wurde im Oktober 2022 eingeführt. Sie betrug vom 1. Juli 2024 bis Ende Dezember 2024 0,25 Cent pro Kilowattstunde. Ab dem 1. Januar 2025 ist sie auf 0,299 Cent pro Kilowattstunde gestiegen.

Das Vorgehen wird zwischen Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Bundesnetzagentur und dem Marktgebietsverantwortlichen unter Beobachtung des jeweiligen Marktumfeldes abgestimmt. Ziel ist die Gewährleistung der Versorgungssicherheit mit Erdgas. Im Jahr 2024 hatte die Bundesregierung weder Informationen zur Preisgestaltung noch zu dem möglichen russischen Anteil an das Parlament weitergegeben. Für die Befüllung der Gasspeicher nach § 35a ff. EnWG bestehen für den Bundeshaushalt keine unmittelbaren Risiken, die Kosten werden an die Verbraucher weitergegeben.

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Erdgasversorgung: Die EU ist von Russland abhängig

„Wir sind offensichtlich nach wie vor von russischem Gas abhängig. Das ist untragbar aus politischen, sicherheitspolitischen und moralischen Gründen“, sagte EU-Kommissar Dan Jørgensen. Er drängt auf das Ziel, Russland den Öl- und Gashahn bis 2027 abzudrehen. Ob das funktionieren wird, ist offen. Zwar haben die Europäer nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 weniger russisches Gas importiert; ab dem Jahr 2024 stiegen die Importe europäischer Unternehmen aber gegenüber dem Jahr 2023 wieder deutlich an.

Erdgasspeicher

US-Gas ist auch keine sichere Lösung

Der größte Gaslieferant ist Norwegen, das per Pipeline etwa ein Drittel des EU-Gasbedarfs einführt. Nach Russland, das 19 Prozent des in der EU verbrannten Gases liefert, folgen die USA, die laut Kommission rund 16 Prozent der Gasimporte ausmachen. Während Jørgensen die russischen Importe kappen möchte, drängen sich die USA als Ersatzlieferant auf. Die US-Regierung forderte von der EU, Öl und Gas im Wert von 350 Milliarden US-Dollar aus den USA zu kaufen. Dies ist ein Vielfaches der im Jahr 2024 importierten LNG-Menge im Wert von etwa 13 Milliarden US-Dollar. Allerdings gibt es offensichtlich keinen Zweifel mehr, dass auch die USA inzwischen als unberechenbarer Handelspartner gelten.

Fossiles oder grünes Gas

Unternehmen, die heute schon ausreichend grünen Wasserstoff für die Produktion nutzen können, sind selten. Und seit dem Jahr 2021 steht fest, dass Wasserstoff nur dann einen nachhaltigen Beitrag zur Klimaneutralität leisten kann, wenn er aus Erneuerbaren-Quellen hergestellt wird. Um die hohen Erwartungen an den Wasserstoff etwas zurechtzurücken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass er derzeit lediglich zwei Prozent des Energiemixes in der EU ausmacht. Davon werden 95 Prozent durch fossile Brennstoffe erzeugt, die jährlich 70 bis 100 Millionen Tonnen CO₂ freisetzen. Bleibt also die Hoffnung, dass der Hochlauf der Wasserstoffproduktion aus Wind oder Sonne sehr schnell an Fahrt aufnimmt. Die EU setzt einen sehr großzügigen Zeitrahmen – ab dem Jahr 2050 könnte Wasserstoff bis zu 20 Prozent des Energiemixes ausmachen. Zum Einsatz käme das Gas insbesondere im Verkehr und in der Industrie. Bis dahin können sich die Unternehmen bivalent aufstellen. Ergänzend zum Erdgas oder Wasserstoff erzeugen sie nachhaltigen Strom oder produzieren den benötigten Wasserstoff einfach selbst.

Quellen: