Sonnenuntergang über Berlins Straßen
Grüne Städte nutzen saubere Energie. iStock / christianchen

Grüne Zukunft

Große Euphorie für die Energiewende

Wirtschaft und Gesellschaft stehen an einem Punkt, den viele mit dem Moment vergleichen, in dem James Watt seine erste Dampfmaschine mit Kohle angeheizt hat und damit die industrielle Revolution auslöste. Nachdem die Menschheit rund 250 Jahre lang ihren eigenen Planeten ausgehöhlt, abgetragen, abgeholzt und verheizt hat, kann jetzt ein neuer Traum wahr werden. Die Industrie gewinnt Energie aus der Luft, aus dem Wind, aus der Sonne oder auch ihrer eigenen Abwärme.

Christian Raum
· 2025

Die Wirtschaft hat sich aufgemacht, eine neue industrielle Revolution zu beginnen. Einerseits ist dies in der Notwendigkeit begründet, dass Unternehmen Methoden und Strategien suchen, die aktuellen Herausforderungen um Klimawandel und Nachhaltigkeit, Kostenexplosion und Ressourcenknappheit anzugehen. Andererseits gibt es innerhalb der Industrie viel Optimismus, mit heute vorhandenen Technologien für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Vorstände und das Management in den Chefetagen haben gelernt, dass die Themen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und grüne Energie mit funktionierenden Geschäftsmodellen und steigenden Erträgen hinterlegt sein können.

In vielen Bereichen dieser „grün“ aufgestellten Wirtschaft steigen Investoren ein, die das Potenzial von sauber produzierter Energie erkennen. Projektentwickler diskutieren mit den Vertretern von Kommunen und Regionen über deren eigene, autonome Produktion von Energie, Wärme, Strom und Wasserstoff. So wandeln sich Regionen zu Energieproduzenten. Sie sehen Chancen, ihre Abhängigkeit von großen Energieversorgern zu lockern oder gar zu beenden, indem sie auf ihren eigenen Flächen ihre eigenen Windräder und PV-Anlagen errichten. Und sie erkennen, dass in den wichtigsten Bereichen Fördergelder nicht mehr nötig sind. Mit den erwarteten Erträgen können sie die Investitionen schnell amortisieren. Der Break-even ist innerhalb von wenigen Jahren absehbar, die Projekte werden auf jeden Fall umgesetzt. 

Erschienen in

Klimaschutz und Energiewende

am 21. Mai 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Mit welchen Methoden und Strategien die Bundesregierung die Klimaziele bis zum Jahr 2030 erreichen möchte, wird sie in den nächsten Wochen erklären. Für die Regierenden gilt es zu bedenken, dass Hunderttausende Menschen mit großem Mut und hohen Investitionen in neue...

 

Je grüner eine Stadt aufgestellt ist, desto größer erscheint ihr wirtschaftlicher Erfolg.

Gezielte Förderungen für eine grüne Zukunft

Doch wenn Verantwortliche die Möglichkeit sehen, die eigenen Kosten durch Fördergelder zu senken, liegt der Gedanke nah, die Projekte zu verschieben und finanziell abzufedern. Dadurch, so die Kritik, wird der Umbau der Wirtschaft unnötig verzögert. Schon gibt es das Postulat, nur noch die Projekte zu fördern, deren Erfolg letzten Endes tatsächlich von einer der staatlichen Förderungen abhängt. Expertinnen und Experten sehen hier ein Umdenken in der Industrie – mit Vertrauen in Technologien und mit der Vision einer sauberen Zukunft kann die Wirtschaft einen neuen ertragssicheren und klimafreundlichen Weg einschlagen. Viel Arbeit, Forschung, Technologieentwicklung und Begeisterung für das Neue und Unbekannte machen diese nächste industrielle Revolution möglich. Ohne Informationstechnologie und künstliche Intelligenz wären die derzeit projektierten Vorhaben nicht denkbar. Nahezu alle Ertragsmodelle beruhen darauf, dass eine Intelligenz im Hintergrund Anlagen, Umwelt und Natur beobachtet. Die KI „versteht“ das Zusammenspiel von Wetter, Sonne, Wind, und sie kann für eine optimale Ausbeute und Verteilung der Energien genutzt werden.

Klimaneutrale Energien

In dem Maße, wie sich die Umwelt zu einem Lieferanten von Energie wandelt, scheint sich bei vielen Verantwortlichen auch die Wahrnehmung und das Verständnis unserer Erde zu verändern. Erstaunlich ist, in welcher Geschwindigkeit die Transformation der Städte ein Treiber für Nachhaltigkeit und Klimastabilisierung wird. Über alle politischen Ebenen – von den Regionen über Bundesländer und Nationalstaaten hinweg bis zur EU – werden Milliarden für Förderungen und Projekte bereitgestellt, deren Ziel es ist, lebenswerte Städte und liebenswerte Quartiere zu verwirklichen. Bäume und Parks, grüne Fassaden und Wasserflächen verändern das Bild der Städte. Pflanzen kühlen, sie reinigen die Luft und dienen der Dekarbonisierung der Umwelt. Damit verbunden ist ein Denken, das wirtschaftlichen Fortschritt nicht mehr in schwarzem Industriequalm oder gigantischen Kühltürmen von Kraftwerken oder Industrieanlagen misst. Die neue Qualität ist: Je grüner eine Stadt aufgestellt ist, desto größer erscheint ihr wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg.

Grafik: Die grünsten Städte der Welt (Städte mit den meisten Quadratmetern Grünfläche je Einwohner)

Energie-Infrastrukturen ertüchtigen

Doch auch die größten Umbrüche sind nicht frei von Kritik und Bedenken. Zwar sei die Erzeugung der Energie auf lange Sicht gesichert. Aber Schwachpunkte bei allen Überlegungen und Strategien sind Infrastruktur und Energienetze. Diese sind noch stark in der Ära der fossilen Brennstoffe verhaftet. Und hier sind neben politischen Zielen und ethischen Werten nun einmal Mathematik und Physik entscheidende Faktoren. Wenn die Politik die Wirtschaft vom fossilen Erdgas und Öl auf Strom umstellen möchte, müssen Stromnetze dieselbe Energiemenge transportieren und liefern wie die bislang benutzten Pipelines – das Ergebnis ist sehr häufig, dass die Stromnetze hierfür nicht ausreichend Kapazität bereitstellen können. Elektromobilität, Wärmepumpen, Heizungen, industrielle Produktionen sorgen für Fluktuationen, die digital gesteuerte Netze und intelligente Stromspeicher notwendig werden lassen.