Mülltonen und Müllcontainer

Kreislaufwirtschaft

Wirtschaftsfaktor Abfall

300.000 Beschäftigte, 105 Milliarden Euro Umsatz – keine Frage: Die Kreislaufwirtschaft ist in Deutschland ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Laut dem Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft aus dem Jahr 2024 arbeiten etwa 10.000 Unternehmen in diesem Bereich. Sie sind für die umwelt- und ressourcenschonende Verwertung von jährlich über 400 Millionen Tonnen Abfällen verantwortlich.

Michael Gneuss
· 2025
Erschienen in

Circular Economy

am 20. Oktober 2025 in „Handelsblatt“
Für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft gibt es mehrere Motive. Der Umweltschutz ist traditionell ein ganz wesentlicher Treiber. Angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen muss das Thema aber auch unter dem Aspekt der Abhängigkeit von wertvollen und seltenen Rohstoffen gesehen...

Sechs Milliarden Tonnen an Materialien werden jährlich in der EU verbraucht. Das System stößt an seine Grenzen: schwindende Rohstoffvorkommen, wachsende Müllberge, Umweltverschmutzung und eine starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Die Kreislaufwirtschaft bietet hier einen Ausweg. Sie schont nicht nur das Klima und die Umwelt, indem sie den Bedarf an neuen Rohstoffen und den Ausstoß von Treibhausgasen senkt. Sie birgt auch enorme wirtschaftliche Chancen. Schätzungen zufolge könnten durch eine konsequente Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in Deutschland Zehntausende neue Arbeitsplätze entstehen.

Schon lange gilt Deutschland als Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling. Tatsächlich erreicht die Bundesrepublik hohe Recyclingquoten bei Bauabfällen (fast 90 Prozent) und Siedlungsabfällen (rund 67 Prozent). Doch dieser erste Blick trügt. Ein Großteil des recycelten Materials ist von minderer Qualität und kann oft nur für einfache Anwendungen genutzt werden – ein sogenanntes Downcycling. Echte geschlossene Stoffkreisläufe, in denen aus einer alten Plastikflasche wieder eine neue wird, sind noch immer die Ausnahme.

Die Probleme sind vielschichtig und hartnäckig. Ein zentrales Hindernis ist der Preis: Primärrohstoffe, also neu gewonnene Materialien, sind häufig billiger als hochwertige Rezyklate. Für Unternehmen fehlt oft der wirtschaftliche Anreiz, auf recyceltes Material zurückzugreifen, solange die Herstellung aus neuen Rohstoffen günstiger ist. Hinzu kommen technische Herausforderungen, insbesondere bei Kunststoffen und Textilien. Komplexe Materialmischungen und Verunreinigungen erschweren ein sortenreines Recycling. Die Folge: Große Mengen an Plastikmüll und Altkleidern werden immer noch verbrannt oder ins Ausland exportiert, wo ihre umweltgerechte Verwertung oft nicht gewährleistet ist.

 

Deutschland gilt als Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling.

Ohne tiefgreifenden Wandel geht es nicht

Um die Kreislaufwirtschaft in Deutschland wirklich voranzubringen, bedarf es eines tiefgreifenden Wandels. Das ist allein schon deshalb unabdinglich, weil etwa die Vorgaben aus Brüssel immer massiver werden. So verstärken Regelungen auf EU-Ebene wie die EU-Verpackungsverordnung und die EU-Batterieverordnung den Druck in Richtung Kreislaufwirtschaft. Zum Beispiel werden Mindestmengen an recyceltem Material vorgeschrieben und Sammel- und Recyclingquoten angehoben. Produkte sollen langlebiger und reparierbarer werden. Jedoch bleiben bei diesen Vorgaben oft Detailregelungen, Übergangsfristen und nationale Umsetzungen unklar oder uneinheitlich. In einigen Bereichen fehlt Planungs- oder Investitionssicherheit für Unternehmen. Auch bürokratische Hürden behindern Innovationen oder neue Geschäftsmodelle.

Die im Dezember 2024 von der damaligen Bundesregierung beschlossene Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, könnte aber am Ende für die Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen nicht ausreichen. So zielt die Strategie zwar darauf ab, den Verbrauch primärer Rohstoffe zu senken, Produkte langlebiger zu gestalten sowie Wiederverwendung und Recycling zu fördern. Umwelt- und Wirtschaftsverbände kritisieren allerdings das Fehlen konkreter Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich verbindlicher Ziele für die Reduzierung des Primärrohstoffverbrauchs und der Förderung von Mehrwegsystemen, Reparatur und Recyclingmaterialien. Gefordert werden von der Politik vielmehr klarere und verbindlichere Rahmenbedingungen. So könnte zum Beispiel eine gesetzlich festgelegte Quote für den Einsatz von Rezyklaten in neuen Produkten die Nachfrage stärken und die wirtschaftliche Attraktivität des Recyclings erhöhen. Gleichzeitig müssten bürokratische Hürden für Unternehmen, die auf Kreislaufmodelle setzen, abgebaut werden.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen. Die Forschung an neuen Recyclingtechnologien wird intensiv gefördert. Chemisches Recycling verspricht beispielsweise, auch stark vermischte Kunststoffabfälle wieder in ihre ursprünglichen Bausteine zu zerlegen. Moderne digitale Produktpässe enthalten Informationen über die Zusammensetzung und Reparierbarkeit eines Produkts. Sie sollen zukünftig helfen, Materialien am Ende ihres Lebenszyklus besser in den Kreislauf zurückzuführen.

Greiferkran bei der Arbeit auf Müllhalde
Bild: iStock / Getty Images Plus / onlyyouqj

Potenziale und Innovationen im Verkehrssektor

Besonders im Verkehrssektor zeigen sich die Potenziale der Kreislaufwirtschaft. Mit dem Vormarsch der Elektromobilität rückt das Recycling von Batterien in den Fokus. Wertvolle Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Nickel können zurückgewonnen und für die Produktion neuer Batterien genutzt werden. Innovative Unternehmen arbeiten zudem daran, den Anteil an recycelten Materialien im Fahrzeugbau zu erhöhen – von wiederverwendeten Kunststoffen im Innenraum bis hin zu recyceltem Aluminium in der Karosserie.

Neue Mobilitätskonzepte wie Carsharing tragen ebenfalls zur Kreislaufwirtschaft bei, indem sie die Auslastung der Fahrzeuge erhöhen und so den Bedarf an Neuproduktionen senken. Diese Ansätze zeigen: Eine nachhaltige Infrastruktur, gepaart mit technologischer Innovation, kann den Wandel konkret vorantreiben.

Abfall, der kreisförmig zurechtgestellt ist
Recycling ist wichtiger Bestandteil der Kreislaufwirtschaft. Bild: iStock / Ryan McVay

Kreislaufwirtschaft: Konsumverhalten entscheidend

Entscheidend für weniger Abfall und mehr Ressourcenschonung ist aber auch ein verändertes Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Abfallvermeidung beginnt beim Konsum. Hier müssen noch deutlich mehr die Nutzung langlebiger Produkte, Reparaturen und weniger Wegwerfartikel in den Vordergrund rücken. Verbraucher, Handel und Industrie müssen sich noch stärker umstellen. Nach wie vor spielen günstigere Einweglösungen und überkommene Verpackungsgewohnheiten eine zu große Rolle. Tatsächlich sind langlebige Produkte häufig teurer in Anschaffung oder Entwicklung. Die Gewinne amortisieren sich oft erst mittel- bis langfristig. Deshalb wird ohne ausreichende Förderung, Subventionierung oder regulatorische Verpflichtung die Umsetzung einer wirklich nachhaltigen, Abfall vermeidenden Wirtschaft nur schleppend verlaufen.

All das macht deutlich, dass der Weg zu einer umfassenden Kreislaufwirtschaft in Deutschland noch weit ist und ein funktionierendes Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erfordert. Doch die Weichen werden jetzt gestellt. Angesichts der globalen Herausforderungen ist der Übergang von einer linearen „Wegwerf-Ökonomie“ zu einem zirkulären Modell keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit für eine zukunftsfähige und resiliente Wirtschaft.