Sechs Milliarden Tonnen an Materialien werden jährlich in der EU verbraucht. Das System stößt an seine Grenzen: schwindende Rohstoffvorkommen, wachsende Müllberge, Umweltverschmutzung und eine starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Die Kreislaufwirtschaft bietet hier einen Ausweg. Sie schont nicht nur das Klima und die Umwelt, indem sie den Bedarf an neuen Rohstoffen und den Ausstoß von Treibhausgasen senkt. Sie birgt auch enorme wirtschaftliche Chancen. Schätzungen zufolge könnten durch eine konsequente Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in Deutschland Zehntausende neue Arbeitsplätze entstehen.
Schon lange gilt Deutschland als Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling. Tatsächlich erreicht die Bundesrepublik hohe Recyclingquoten bei Bauabfällen (fast 90 Prozent) und Siedlungsabfällen (rund 67 Prozent). Doch dieser erste Blick trügt. Ein Großteil des recycelten Materials ist von minderer Qualität und kann oft nur für einfache Anwendungen genutzt werden – ein sogenanntes Downcycling. Echte geschlossene Stoffkreisläufe, in denen aus einer alten Plastikflasche wieder eine neue wird, sind noch immer die Ausnahme.
Die Probleme sind vielschichtig und hartnäckig. Ein zentrales Hindernis ist der Preis: Primärrohstoffe, also neu gewonnene Materialien, sind häufig billiger als hochwertige Rezyklate. Für Unternehmen fehlt oft der wirtschaftliche Anreiz, auf recyceltes Material zurückzugreifen, solange die Herstellung aus neuen Rohstoffen günstiger ist. Hinzu kommen technische Herausforderungen, insbesondere bei Kunststoffen und Textilien. Komplexe Materialmischungen und Verunreinigungen erschweren ein sortenreines Recycling. Die Folge: Große Mengen an Plastikmüll und Altkleidern werden immer noch verbrannt oder ins Ausland exportiert, wo ihre umweltgerechte Verwertung oft nicht gewährleistet ist.
Deutschland gilt als Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling.
Ohne tiefgreifenden Wandel geht es nicht
Um die Kreislaufwirtschaft in Deutschland wirklich voranzubringen, bedarf es eines tiefgreifenden Wandels. Das ist allein schon deshalb unabdinglich, weil etwa die Vorgaben aus Brüssel immer massiver werden. So verstärken Regelungen auf EU-Ebene wie die EU-Verpackungsverordnung und die EU-Batterieverordnung den Druck in Richtung Kreislaufwirtschaft. Zum Beispiel werden Mindestmengen an recyceltem Material vorgeschrieben und Sammel- und Recyclingquoten angehoben. Produkte sollen langlebiger und reparierbarer werden. Jedoch bleiben bei diesen Vorgaben oft Detailregelungen, Übergangsfristen und nationale Umsetzungen unklar oder uneinheitlich. In einigen Bereichen fehlt Planungs- oder Investitionssicherheit für Unternehmen. Auch bürokratische Hürden behindern Innovationen oder neue Geschäftsmodelle.
Die im Dezember 2024 von der damaligen Bundesregierung beschlossene Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, könnte aber am Ende für die Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen nicht ausreichen. So zielt die Strategie zwar darauf ab, den Verbrauch primärer Rohstoffe zu senken, Produkte langlebiger zu gestalten sowie Wiederverwendung und Recycling zu fördern. Umwelt- und Wirtschaftsverbände kritisieren allerdings das Fehlen konkreter Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich verbindlicher Ziele für die Reduzierung des Primärrohstoffverbrauchs und der Förderung von Mehrwegsystemen, Reparatur und Recyclingmaterialien. Gefordert werden von der Politik vielmehr klarere und verbindlichere Rahmenbedingungen. So könnte zum Beispiel eine gesetzlich festgelegte Quote für den Einsatz von Rezyklaten in neuen Produkten die Nachfrage stärken und die wirtschaftliche Attraktivität des Recyclings erhöhen. Gleichzeitig müssten bürokratische Hürden für Unternehmen, die auf Kreislaufmodelle setzen, abgebaut werden.
Doch es gibt auch positive Entwicklungen. Die Forschung an neuen Recyclingtechnologien wird intensiv gefördert. Chemisches Recycling verspricht beispielsweise, auch stark vermischte Kunststoffabfälle wieder in ihre ursprünglichen Bausteine zu zerlegen. Moderne digitale Produktpässe enthalten Informationen über die Zusammensetzung und Reparierbarkeit eines Produkts. Sie sollen zukünftig helfen, Materialien am Ende ihres Lebenszyklus besser in den Kreislauf zurückzuführen.