grüner E-Bus
E-Bus: Der öffentliche Personennahverkehr ist eine tragende Säule einer nachhaltigen Mobilität. iStock / aapsky

Mobilitätswandel

Ein weiter Weg

Stau auf der Autobahn, verspätete Züge, überfüllte Busse und die ständige Suche nach einem Parkplatz: Mobilität ist ein Thema, das die Deutschen oft genug Nerven kostet. Doch es geht um weit mehr als nur den persönlichen Komfort. Mobilität ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und obendrein eine große Emittentin von klimaschädlichen Gasen. Kurz: Es ist ein Megathema unserer Zeit.

Michael Gneuss
· 2025
Erschienen in

Mobilität

am 20. Oktober 2025 in „Handelsblatt“
In Deutschland denken viele Menschen zunächst ans Auto, wenn von Mobilität die Rede ist. Aus gutem Grund, denn die Fahrzeugindustrie ist eine Schlüsselbranche, die viel Beschäftigung schafft und für Wohlstand sorgt. Doch wenn wir den Blick zu sehr auf das klassische...

Der Verkehrssektor trägt maßgeblich zum Klimawandel bei. Laut Umweltbundesamt war er 2024 in Deutschland für den Ausstoß von rund 143 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten verantwortlich und hat damit das Klimaziel erneut verfehlt. Gleichzeitig ist die Fähigkeit des Menschen, sich frei zu bewegen, ein zentraler Pfeiler einer modernen Gesellschaft und Wirtschaft. Um Mobilität und Klimaschutz zeitgleich voranzubringen, ist ein grundlegender Wandel notwendig. Und dieser ist bereits in vollem Gange.

Akteure müssen eng zusammenarbeiten

Klar ist, dass der Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Mobilität nicht von einer einzelnen Branche im Alleingang gestemmt werden kann. Vielmehr ist die Mobilität der Zukunft das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichsten Akteuren. Automobilhersteller entwickeln nicht mehr nur Autos, sondern ganzheitliche Mobilitätslösungen. Energiekonzerne bauen die Ladeinfrastruktur aus – Anfang 2025 zählte Deutschland bereits rund 131.000 öffentliche Ladepunkte – und sorgen dafür, dass der Strom dafür zunehmend aus regenerativen Quellen stammt. IT-Unternehmen liefern intelligente Systeme, die den Verkehr fließen lassen, während Logistikfirmen mit neuen Konzepten für die letzte Meile den Lieferverkehr in den Städten revolutionieren.

 

Der Bestand an reinen Elektroautos wuchs bis Mitte 2025 auf fast zwei Millionen an.

Eine entscheidende Rolle spielt die Politik. Mit gesetzlichen Vorgaben wie zum Beispiel dem Klimaschutzgesetz, das klare Reduktionsziele vorgibt, und den CO₂-Flotten-Grenzwerten der EU wird der Druck erhöht, saubere Technologien zu entwickeln. Förderprogramme und das Deutschlandticket, das inzwischen von rund 14 Millionen Menschen genutzt wird, setzen zusätzliche Anreize für einen Umstieg. Die technologischen Fortschritte können sich sehen lassen. Der Bestand an reinen Elektroautos wuchs bis Mitte 2025 auf fast zwei Millionen an. Auch wenn ihr Anteil an den Neuzulassungen nach dem Auslaufen der Förderung im vergangenen Jahr kurzzeitig gesunken war, so war die Zahl der Neuzulassungen reiner Stromer in der ersten Jahreshälfte 2025 wieder angestiegen – der Trend scheint unumkehrbar. Parallel dazu versprechen Wasserstofftechnologien eine saubere Alternative für den Schwerlastverkehr. Last but not least könnte autonomes Fahren in Zukunft den Verkehrsfluss optimieren, Unfälle reduzieren und auch Menschen ohne Führerschein neue Möglichkeiten der Mobilität eröffnen. Aber es geht nicht nur um neue Antriebsarten. Digitale Plattformen ermöglichen es, verschiedene Verkehrsmittel nahtlos miteinander zu kombinieren. Die Zahl der Carsharing-Nutzer ist Anfang 2024 auf über 5,5 Millionen gestiegen, ein Zuwachs von 23 Prozent innerhalb eines Jahres. Sogenannte „Mobility as a Service“-Apps (MaaS-Apps) bündeln all diese Angebote und machen es einfacher denn je, für jede Strecke die passende und umweltfreundlichste Option zu finden.

Fahrräder und Elektro-Scooter
iStock / Getty Images Plus / kemirada

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Also alles im grünen Bereich? So einfach ist es leider nicht. Eine der größten Herausforderungen der modernen mobilen Gesellschaft bleibt die Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse. Während in Metropolen bereits ein Drittel der Wege zu Fuß zurückgelegt werden, ist auf dem Land für über 60 Prozent aller Wege das Auto unverzichtbar. Im Jahr 2023 pendelten nach Angaben des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) rund 20,5 Millionen Deutsche über Gemeindegrenzen hinweg zur Arbeit, die durchschnittliche einfache Strecke betrug dabei 17,2 Kilometer. Um hier eine nachhaltige Veränderung zu bewirken, müssen neue, wirksame Konzepte realisiert werden. Neben dem dringenden Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge können flexible Lösungen wie etwa Rufbusse oder kommunales Carsharing die Lücke zum klassischen ÖPNV schließen. Der Fehler, der in der Vergangenheit oft gemacht wurde, war, Konzepte aus der Stadt eins zu eins auf den ländlichen Raum übertragen zu wollen.

Trotz aller Fortschritte gibt es viele Hürden. Generell muss der Ausbau der Ladeinfrastruktur mit der wachsenden Zahl an E-Fahrzeugen Schritt halten. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass die oftmals langwierigen Genehmigungsverfahren beschleunigt und bürokratische Hindernisse zum Beispiel bei der Errichtung von Ladepunkten abgebaut werden. Dringend verbessert werden muss auch die Koordination zwischen Verkehrsplanung, Stadtentwicklung und Energieversorgung. Die Stromnetze müssen so ausgebaut werden, dass sie überall bereit für hohe Lasten sind. Anders wird sich die nachhaltige Wende hin zur E-Mobilität nicht bewerkstelligen lassen. Optimiert werden müssen auch die Anreize zur Anschaffung und zum wirtschaftlichen Betrieb von Elektro- oder Wasserstoff-Fahrzeugen. Neben der teuren Ladeinfrastruktur sind Unterhalt, hohe Stromkosten und Wartung zusätzliche Hürden auf dem Weg zu alternativen Antriebsformen. Ein Hemmnis sind vielfach auch die Preise für den öffentlichen Nahverkehr, die für viele nicht attraktiv genug sind, um umzusteigen – trotz Deutschlandticket. Zudem sind die Verbindungen, besonders am Abend, oft unzureichend.

Auch fehlt es an einer durchgängigen und sicheren Infrastruktur für den Fahrradverkehr, obwohl die Fahrradflotte in Deutschland auf rund 78 Millionen Räder angewachsen ist, ein Fünftel davon bereits mit Elektromotor. Ein weiteres Problem ist die oft noch mangelnde digitale Vernetzung der verschiedenen Verkehrsträger. Natürlich gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie Bestandteile einer zukunftsgerechten Mobilität aussehen können: So setzen immer mehr Unternehmen auf Mobilitätsbudgets, Jobtickets oder Diensträder. Zudem erregen die verschiedenen Pilotprojekte für autonome Shuttlebusse Aufmerksamkeit. Erst vor wenigen Wochen ist im niedersächsischen Burgdorf Deutschlands erster autonomer Linienbus an den Start gegangen.

Auto-Zug-Bus Symbol auf der Straße mit menschlichen Füßen
iStock / Getty Images Plus / Boarding1Now

Mobilitätswandel: Infrastruktur muss dringend saniert werden

Ein wirklicher Mobilitätswandel ist aber nicht denkbar ohne eine durchgreifende Modernisierung der maroden Infrastruktur in Deutschland. Rund 5.000 Brücken im Land sind laut Bundesverkehrsministerium dringend reparaturbedürftig oder müssen neu gebaut werden. Auch das Straßennetz ist in einem erbärmlichen Zustand. Der Sanierungsbedarf allein bei Fernstraßen beträgt aktuell fast 25.000 Kilometer. Rund 11.000 Kilometer davon entfallen auf Autobahnen. Nicht besser sieht es auf der Schiene, und auch hier gerade bei Brücken, aus. Nach einer Schätzung der Deutschen Bahn (DB) sind 1.160 Bahnbrücken in einem Zustand, der einen Neubau erfordert.

Die Mobilität der Zukunft kann aber nur auf einem modernen Straßen-, Schienen- und Wegenetz stattfinden. Zudem muss sie flexibel, nachhaltig und für alle zugänglich und bezahlbar sein. Das erfordert nicht nur technologische Innovationen, sondern auch ein Umdenken bei den Bürgerinnen und Bürgern. Nur wenn alle bereit sind, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen, lässt sich eine ressourcenschonende und intelligente Mobilität in die Tat umsetzen.