In Zukunft gilt das Militär in der Europäischen Union auch als relevant für den wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinschaft. Dafür investieren die EU-Staaten Hunderte Milliarden Euro. In dem Strategiepapier „ReArm Europe Plan / Readiness 2030“ – oder kurz „Readiness 2030“ – stellte die EU-Kommission am 19. März 2025 die wichtigsten Punkte vor. Die vier Prinzipien, an denen sich Politik und Wirtschaft in den nächsten Jahren orientieren werden, sind „Buy more, buy better, buy together, buy European“.
Mit einem breit ausgebauten Ökosystem und wirtschaftlichen und technischen Verknüpfungen der Hersteller untereinander soll eine sich stetig verbessernde Verteidigung etabliert werden. Das Militär werde – nach Darstellung der Europäischen Kommission – in allen Bereichen immer auf der Höhe der Zeit sein; technisch, logistisch und möglichst durchgehend digitalisiert.
Software Defined Defence
Für die Wirtschaft ist dies eine Einladung. Unternehmen sollen mit neuen Geschäftsmodellen in der Militärtechnik, in der Logistik oder beim Aufbau der Infrastruktur auf der Erde und im Weltraum starten. Hierfür stellt die EU die Finanzierung mit frischem Kapital bereit und verspricht den schnellen Return der getätigten Investitionen. Eine entscheidende Idee ist die Beschaffung von Material, das idealerweise nicht altert. Also forderte die EU von der Industrie, dass die Ausrüstung immer wieder neu auf den aktuellen Stand der Technik gebracht wird. Software, Digitalisierung, Upgrades, künstliche Intelligenz, Automatisierung werden so zu einem Konzept verbunden, das in Zukunft die Verteidigung definiert.
Cyberwar ist schon lange Realität
Verteidigungsexpertinnen und -experten haben dafüreinen neuen Begriff erfunden: Software Defined Defence. Für die Rüstungsindustrie bedeutet dies, dass in Zukunft ein großer Teil des Umsatzes im Bereich der digitalen Services zu erzielen ist. Hierzu sind massive Investitionen in das Know-how rund um Softwareentwicklung und Programmierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz nötig. Außerdem wird Cybersecurity zu einer militärischen Spezialdisziplin –
denn die Digitalisierung bietet den Angreifern eine neue Front, an der sie den Verteidigern bereits heute massiven Schaden zufügen.
Umfassende Digitalisierung soll jederzeit den aktuellen Stand aller Systeme sicherstellen.
Im Gespräch mit Cyberwar-Expertinnen und -Experten stellt sich schnell heraus, dass Cybersecurity viel mehr ist als ein kniffeliges technisches Problem. Händeringend sucht der Staat Spezialisten, die im Katastrophenfall auf Abruf einsatzbereit sind. Parallel dazu bereiten sich auch die Unternehmen der kritischen Infrastruktur auf den Ernstfall vor. Da ihre Mitarbeitenden das größte Know-how rund um Netzwerk- und Unternehmenssicherheit haben, wird der Staat hier viele der Personen rekrutieren, die er zur Gesamtverteidigung benötigt. Ihr Wissen ist gefragt. Jetzt laufen in den Unternehmen die internen Diskussionen, wie im Ernstfall ohne das eigene IT-Security-Personal die Sicherheit von Organisation und Infrastruktur garantiert werden kann.
Die Streitkräfte brauchen mehr Tempo
Auf anderen Feldern ist es eine Herausforderung, dass die Geschwindigkeit der Verteidigungsstrategien in der Politik, in den Armeen und der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie nicht mit dem Tempo der neuen Gefahren und neuen Angriffsvektoren mithalten kann.
Zu viele und häufig veraltete Prozesse, Regulierungen, Vorschriften sowie nationale Interessen bremsen die Bemühungen, die Streitkräfte innerhalb der EU möglichst schnell modern und digital aufzustellen. Und gleichgültig, ob nukleares Waffensystem, Panzer, Flugzeugträger oder Hubschrauber – wenn ein Rekrut ins Manöver zieht, sind seine Waffen häufig bereits älter als er selbst.
Viele Waffen sind älter als die Rekruten
Gerechnet von der ersten Bleistiftskizze über die Diskussion der Ingenieure, die Entwicklungen, Anpassungen und Verbesserungen bis zum fertigen System, vergehen oft Jahrzehnte. Und es ziehen noch einmal Jahrzehnte ins Land, bis die Waffen ihre Pflicht getan haben und verschrottet werden. Ein großer Teil der eingesetzten Systeme vom Stiefel bis zum Flugzeugträger stammt noch aus der Zeit, als in den Konstruktionsbüros Ingenieure mit dicken Brillengläsern, Bleistift, Zirkel und Reißbrett auf Papier designt und entwickelt haben.
Inzwischen wurden die Papierzeichnungen durch IT-Systeme abgelöst. Die gesamte Branche ist auf dem Weg in die Digitalisierung, und die Industrie liefert hierfür die Werkzeuge. Die sollen idealerweise schnelle Entwicklung, zeitnahen Einsatz und akkurate Wartung sowie skalierbare Upgrades garantieren. Auch für diese Neuaufstellung sind die 800 Milliarden der EU eingeplant.
KRITIS und Resilienz
In der Logik dieser Digitalisierung liegt auch, dass die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie ab diesem Jahr unter die KRITIS-Gesetzgebung fällt. Neben den Pflichten für die Umsetzung der Cybersicherheit in allen IT-Systemen könnten auf die Hersteller und ihre zulieferkritischen Betriebe auch erweiterte Sicherheitsanforderungen zukommen. Das Management muss prüfen, inwieweit die im Zuge der Software-Defined-Defence-Konzepte vernetzten Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und deren Kommunikation über Mobilfunknetze, Cloud-Infrastrukturen und -Plattformen zum Beispiel für Over-the-Air-Updates unter die KRITIS-Vorgaben fallen. Wenn ein Unternehmen dem Versprechen der EU-Kommission folgt und sich für die Neupositionierung in der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie entscheidet, ist dies mit hohen Investitionen verbunden. Diese Investitionen fließen nicht nur in die Sicherheit der systemrelevanten Organisation, sondern auch in die Cybersicherheit der Produkte und deren Vernetzung – innerhalb eines Waffensystems oder mit den Rechenzentren der Bundeswehr oder anderer NATO-Armeen.