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Technologischer Wandel

Digitale Souveränität: Deutschland wohnt digital zur Miete

Deutschland fordert digitale Souveränität – lebt im Alltag aber den US-Stack. Zwischen Forderungen, Selbsteinschätzung und gelebter Praxis klaffen große Lücken. Katharina M. Schwarz, Head of Global Affairs bei Myra Security, erklärt anhand neuer Studiendaten, wie es um die digitale Souveränität hierzulande bestellt ist und wo die größten Hürden liegen.

Von Katharina M. Schwarz
· 2025

Kaffeeduft erfüllt den Raum, die Dashboards leuchten grün. Nichts deutet auf Probleme hin – bis die Finanzabteilung auf die neue Lizenzrechnung hinweist. Der Preis zieht an, die Klauseln auch. „Was, wenn der Anbieter morgen die Regeln ändert?“, fragt der CISO. Niemand antwortet. Man hat sich im bequemen Schatten eines globalen Ökosystems eingerichtet, das sich wie eigene Infrastruktur anfühlt – aber jemand anderem gehört.

Fragen wie aus diesem Szenario dürften sich viele Entscheider in den letzten Monaten gestellt haben. Diskussionen rund um digitale Souveränität sind überall zu finden. Doch wo steht Deutschland genau? Antworten liefert die Studie „The State of Digital Sovereignty 2025“. Im Auftrag von Myra befragte Civey dafür 1.500 IT Entscheidende in Deutschland.

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Web: http://www.myrasecurity.com

Erschienen in

IT-Sicherheit

am 22. September 2025 in „Handelsblatt“
Nehmen wir endlich die große Gefahr zur Kenntnis, dass die europäische Wirtschaft, die Gesellschaft, die Universitäten und Forschungen wie auch die Technologien und die Kultur von außereuropäischen Angreifern beherrscht und zerstört werden können. Über...
Grafik IT-Entscheider fordern von der Politik, klar auf europäische Technologien
Die IT-Entscheider fordern von der Politik, klar auf europäische Technologien zu setzen. Bild: Myra Security

Europäische Lösungen für Public und KRITIS Sektor

84,4 Prozent der IT Verantwortlichen fordern, dass Staat und Betreiber kritischer Infrastrukturen vorrangig europäische Anbieter nutzen. Nur 8,3 Prozent sind dagegen. Das ist ein klares Mandat – und ein Auftrag an Beschaffung, Regulierung und Budgets, diese Linie konsequent zu fahren. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung zäh; weniger als ein Drittel plant binnen 24 Monaten die Einführung europäischer Software, fast die Hälfte winkt ab.

Abhängigkeiten dort, wo es weh tut

In wichtigen Zukunftsfeldern hängen Unternehmen am digitalen US Tropf: 39,7 Prozent empfinden starke bis sehr starke Abhängigkeit bei Cloud Services, 39,5 Prozent in der Cybersicherheit, 36,6 Prozent bei KI Infrastruktur. In der Praxis nutzen nur 20,5 Prozent europäische Security Lösungen; bei KI Infrastruktur sind es 10,2 Prozent. Auch bei Cloud Anbietern liegt der EU Anteil unter 25 Prozent.

Ein Blick auf die „grünen Zonen“ relativiert wenig: In ERP und Finanzsoftware ist Europa stärker vertreten (39,6 Prozent bzw. 41,5 Prozent), dort fällt die wahrgenommene Abhängigkeit deutlich geringer aus. Diese Inseln bleiben jedoch nur Hoffnungsschimmer, solange Zukunftsbereiche wie Cloud, KI und Security fest in US Hand bleiben.

Wahrnehmungslücke: Des Kaisers neue digitale Kleider

Erstens: Viele Entscheider kennen europäische Alternativen kaum. In ERP, CRM und Finanzen nennen knapp die Hälfte konkrete Anbieter; bei Collaboration und KI liegt die Bekanntheit bei nur 21,8 und 21,9 Prozent. Selbst in der Cybersicherheit wissen nur 32,4 Prozent von europäischen Optionen. Sichtbarkeit entscheidet – wer Alternativen nicht kennt, migriert nicht.

Zweitens: Viele überschätzen die eigene Unabhängigkeit. Bei KI Infrastruktur nutzen nur 10,2 Prozent europäische Lösungen, doch mehr als die Hälfte bewertet die Abhängigkeit als schwach oder nicht vorhanden. Bei Security liegt die Nutzung europäischer Produkte bei 20,5 Prozent, trotzdem schätzen 47,2 Prozent die Abhängigkeit als gering ein. Souverän im Selbstbewusstsein, aber im digitalen Sinne weitgehend nackt.

Wechselbereitschaft: Mehrheit hält an US Lösungen fest

Nur 20,4 Prozent der befragten Unternehmen führen bereits europäische Lösungen ein; weitere 12,3 Prozent planen dies innerhalb der nächsten zwei Jahre. Gleichzeitig planen 47,7 Prozent gar keinen Umstieg, 17,4 Prozent sind unentschieden. Ein umfassender Trend zu mehr digitaler Souveränität ist bislang nicht zu erkennen.

Leistungsparität ist das wichtigste Kriterium: 69,9 Prozent würden auf europäische Software umsteigen, wenn sie dieselbe Funktionalität und Zuverlässigkeit bietet. Datensicherheit ist fast ebenso relevant (69,4 Prozent). Zwei Drittel (66,5 Prozent) wären bei deutlich niedrigeren Kosten bereit, zu europäischen Lösungen zu wechseln. Für 62,5 Prozent ist die garantierte Datenspeicherung in der EU ein entscheidendes Kriterium.

Politik und Praxis: Rückenwind statt Rezepte aus der Mottenkiste

Frankreich hat mit dem 2021 gestarteten Programm Parcours de cybersécurité gezeigt, wie staatliche Förderung die digitale Souveränität stärken kann. Unter Leitung der ANSSI wurden 945 Einrichtungen finanziell unterstützt, darunter Kommunen, Krankenhäuser und weitere öffentliche Institutionen. Das Programm umfasste standardisierte Audits und über 3.000 Sicherheitsmaßnahmen (Systemhärtung, Netzwerksegmentierung, Backups). Die Einrichtungen mussten lediglich 30 Prozent der Kosten tragen, investierten aber im Schnitt 30 Prozent mehr als nötig. Der durchschnittliche Cyber Reifegrad stieg dadurch von „D+“ auf „B“.

Finanzielle Anreize sind ein zentraler Hebel. Mehr als die Hälfte der Entscheider würde bei entsprechender Förderung einen Wechsel zu europäischen Anbietern erwägen. Ein in Deutschland eingeführter „Souveränitäts Check“ bei öffentlichen IT Beschaffungen – analog zum bestehenden Sovereignty Check für Hoster von Myra – könnte die Prüfung europäischer Alternativen rechtlich verankern und deren Sichtbarkeit erhöhen.

 

Fazit: Souveränität heißt nicht Autarkie

Die Daten der Studie sprechen eine klare Sprache: breite Zustimmung für europäische Lösungen im KRITIS Bereich, kritische Abhängigkeiten bei Cloud, KI und Security, Wissenslücken bei Alternativen und eine Wechselbereitschaft, die an harte Kriterien gebunden ist. Europa muss nun eine entsprechende technologische Landschaft aufbauen. Dabei geht es nicht um Autarkie, sondern um einen Gegenpol zur Dominanz der US Tech Giganten. Langfristig wird der Markt in Deutschland und Europa hierdurch diverser, stärker und innovativer – ein Markt, der echte Wahlfreiheit und damit reale Souveränität bietet. Das wird nicht von heute auf morgen entstehen – aber weiterhin nur auf Sicht zu fahren wie bisher, ist keine Option.