Auf dem Dach ein Sonnenblumenfeld, Bäume und Büsche wachsen aus den Fenstern und Balkonen an den Fassaden nach oben. Im dreizehnten Stock züchtet ein Unternehmen Garnelen und Karpfen. Die Mitarbeiter der grünen Büros im zehnten Stock bringen ihre Haustiere mit zur Arbeit und im Restaurant im Erdgeschoß wachsen Salate und Kräuter im Regal.
Die Fusion aus Gärten, bodenständiger Landwirtschaft, Hightech und Urbanität klingt zunächst erstaunlich: Auf Dächern, in alten Industrie- und Lagerhallen rund um den Globus beobachten und diskutieren IT-Experten gemeinsam mit Landwirten, Gartenbauern, Forschern und Saatgutherstellern die Zukunft unserer Ernährung. Und automatisch betriebene Ackerflächen, Fischteiche und Roboterbeete sind zu Produkten geworden, die Bauherren von Supermärkten und Restaurants, Server-Farmen oder Bürokomplexen in ihre Gebäude integrieren.
Diese Beete sind mit Informationstechnologien und Sensorik ausgestattet. Sie sind über Datennetze an Rechenzentren angebunden. Dort wachen Anwendungen und Apps über das Wachsen und Gedeihen, über Gesundheit und Erntereife der Pflanzen. Und parallel zu diesem gestapelten Ackerbau, gibt es auch die automatisierte, urbane Fischzucht. Immer mehr scheint auch die Bedeutung von Bienen und Imkern auf den Dächern der Innenstädten zu wachsen.
Offensichtlich hat die urbane Landwirtschaft eine Phase erreicht, in der die städtischen, mit Informationstechnologie gesteuerten Felder die Planungs- und Konzeptionsphase verlassen und produktiv gehen.
Gemüse hat auch eine katastrophale CO₂-Bilanz
Dieser Wandel scheint unabdingbar, denn die Nahrungsmittelindustrie und deren Kunden stehen vor einem großen Umdenken bei der Produktion, bei der Distribution und dem Konsum der Lebensmittel. Viele Institutionen betonen, dass die bisherigen Methoden der Landwirtschaft kritische Grenzen weit überschritten haben.
Besonders deutlich wird dies mit Blick auf die katastrophale CO₂-Bilanz von Früchten oder Gemüsen, Fisch oder Fleisch. Die durchschnittliche Länge der Reise unseres Essens vom Feld auf den Teller wird auf rund 2.400 Kilometer geschätzt. Wobei dies nur einen kleinen Ausschnitt des eigentlichen Problems deutlich macht.
Denn obwohl viele Pflanzen auf Äckern vor unseren Städten oder in unseren Gärten wachsen, transportieren die Importeure alltägliche Produkte wie Zwiebeln, Knoblauch oder Äpfel per Flugzeug oder Schiff aus Neuseeland, China oder Südamerika nach Deutschland. Für die Länge der Transportwege unserer Nahrung hat sich der Fachbegriff „Food Miles“ etabliert.
Urban Farming: Ethischer Konsum verlangt den Wandel
Doch für viele Lebensmittelexperten sind die Food Miles nur ein Faktor, der auf ein ganz anderes Problem hinweist. Je weiter entfernt Nahrung erzeugt wird, desto weniger sind die Herkunft der Produkte, die Situation bei deren Anbau oder auch der Einsatz von Pestiziden nachvollziehbar. Und umso charmanter ist es für viele Stadtbewohner, die Gemüse zu kochen, die oben auf dem Dach wachsen.
Die Konditionen auf den langen Reisen der Bananen und Avocados liegen im Dunkeln. Um den Transport unbeschadet zu überstehen, werden Früchte, Fleisch oder Gemüse in Plastik verpackt, mit Chemikalien haltbar gemacht und entsprechend temperiert. Und während die Lebensmittel nach ihrer Ankunft in Europa zu Teilen direkt in den Müll wandern – etwa weil Haltbarkeitsdaten überschritten oder Standards und Normen nicht eingehalten werden – fehlt diese Nahrung an anderen Orten des Globus.
Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass die Produktion von Lebensmitteln bis zum Jahr 2025 um bis zu 80 Prozent gesteigert werden muss, damit die Versorgung mit Nahrung mit dem Tempo des Bevölkerungswachstums Schritt halten kann. Aus diesem Szenarium leiten Ernährungsforscher einen neuen Megatrend ab – den „ethischen Konsum“. Nachhaltigkeit und Umweltschutz könnten zu einem Kerngedanken der Nahrungsmittelindustrie und in der Landwirtschaft werden.
Hierfür halten die Forscher aber ein Umdenken bei den Geschäftsmodellen und bei der Zusammenarbeit rund um den Globus für nötig. Eine zweite Anforderung sei der Aufbau von transparenten Lieferketten über Kontinente und Ozeane hinweg. Und drittens müssten Nahrungsmittel, deren Produktion und die Logistik als Ganzes betrachtet werden – wie es eben auch das Konzept des trendigen urbanen Farmings vorschlägt.