Soldat mit Virtual Reality Brille und Holographen, die er bedient

Verteidigungsforschung

KI und Vernetzung gewinnen Kriege

Die Armee mit der größten IT-Expertise erringt die Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld. Mit Milliarden-Investitionen möchte sich die Europäische Union zu einer militärischen IT-Macht wandeln. Jetzt geht es in den Diskussionen auch darum, welches die wichtigsten Innovationen sind, die staatlich gefördert werden. Eile ist geboten. Denn Informationstechnologie, insbesondere in Fahrzeugen und Robotern oder Lieferketten nach „zivilen“ Vorbildern, hat die Kriegsführung bereits massiv verändert.

Christian Raum
· 2025
Erschienen in

Schutz und Sicherheit für Deutschland und Europa

am 25. November 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Regionen versinken in Fluten, Stromausfälle legen Städte und Industrien lahm, mit Cyberattacken und Drohnen bringen Angreifer den Flugverkehr zum Erliegen. Der hybride Krieg tobt in Europa. Störsender und Jammer sind Hightech-Waffen, mit denen Unbekannte Flugzeuge und Schiffe...

Das Instrument der EU-Kommission zur Unterstützung der kooperativen Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich ist der Europäische Verteidigungsfonds – kurz „EEF“. Hier hat die Kommission für den Zeitraum von 2021 bis 2027 ein Budget von rund 7,3 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Ein erklärtes Ziel dieses Fonds ist es, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen jeder Größe und Forschungsakteuren in der EU und Norwegen zu fördern. Laut Kommission unterstützt der EEF „wettbewerbsfähige und kollaborative Verteidigungsprojekte während des gesamten Forschungs- und Entwicklungszyklus“. Der Schwerpunkt liegt auf Projekten mit innovativen Technologien, die zu modernsten und interoperablen Verteidigungstechnologien und -ausrüstungen führen sollen. Nach ihrer eigenen Darstellung sieht sich die Kommission auf Grundlage der EEF-Verordnung als einen der Hauptinvestoren in Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich.

Nahaufnahme eines Server-Hub-Mitarbeiters in Soldatenuniform, der auf Laptop tippt
Bild: iStock / Getty Images Plus / Dragos Condrea

Digitale Lieferketten „Factory to Foxhole“

Ein viel zitiertes Beispiel für die Herausforderungen einer militärischen Lieferkette nach Vorbild von zivilen Konzepten ist die Ausstattung von Supermärkten und Kaffeebars auf Flugzeugträgern. Kekse und Shampoo werden mit der gleichen Pünktlichkeit und Selbstverständlichkeit geliefert wie Flugzeugtriebwerke und Schiffsmotoren.

Für ihre Supply-Chains bringen die Militärs alle denkbaren Industrien und Versorger miteinander in Einklang. Um die Versorgung der Soldaten sicherzustellen, sind dann aber Schwierigkeiten zu meistern, die in den meisten zivilen Bereichen so nicht aufkommen. Die Aufgabenliste beinhaltet den Transport von Tausenden Tonnen schweren Konvois aus Panzern und Artillerie, Soldaten und Granaten über den Atlantik und quer durch Europa. Ein entscheidendes Ziel ist immer die zeitnahe Lieferung von Informationstechnologie, Treibstoff, Munition, Schutzausrüstung in den Gefechtsstand und in die „Foxholes“ entlang der Front.

Hier sind auch Automatisierung und Vernetzung der zivilen Lieferketten technisches Vorbild: Wenn Militärs diese Technologien richtig nutzen, werden sie einen weitflächigen Verbund von Fabriken, Speditionen, Reedereien, Händlern und Versorgern etablieren, in den neben zivilen und staatlichen Organisationen auch NGOs eingebunden sind. Also sind Innovationen für einen Zeitsprung der genutzten Technik gefragt. Eine denkbare Lösung wäre es, wenn die eher behäbigen und von unterschiedlichen Kommandostrukturen gebremsten militärischen Versorgungskonvois mit einer übergreifenden Kommunikationsplattform in alle Richtungen modernisiert werden.

 

Die Armee bietet Zukunftschancen durch Ausbildung an innovativen Technologien.

High-Tech-Kriegsführung: Soldaten stehen vor holografischer Augmented-Reality-Tabellenkarte
Bild: iStock / Getty Images Plus / gorodenkoff

High-End-Ausrüstung für Hightech-Soldaten

Doch das dringendste Problem, so scheint es, ist es, die Armeen in Europa überhaupt auf eine Soll-Stärke aufzustocken und auszurüsten. Ein viel diskutierter Ansatz in Deutschland ist die sogenannte Wehrpflichtlotterie. Nach Meinung vieler Kritiker steht sie beispielhaft dafür, wie hilflos die Regierung den Herausforderungen der neuen Weltlage gegenübersteht. Dieser kleinstmögliche politische Kompromiss gilt vielen als Farce – da anscheinend nur „Verlierer“ einer Verlosung in die Armee eingezogen werden.

Um gegenüber Feinden eine Führungsüberlegenheit zu gewinnen, ist es offensichtlich ein besserer Ansatz, „Gewinner“ in die Zukunft der Streitkräfte einzubinden. Hierzu könnte es wichtig sein, den Menschen zu zeigen, welche Zukunftschancen die Armee bietet. Entscheidend ist, dass sie an den innovativen Technologien ausgebildet werden und welches Wissen rund um Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Vernetzung vermittelt wird. Denn ohne Frage ist Hochtechnologie neben Munition und Energie heute schon kriegsentscheidend. Um hierfür Expertinnen und Experten zu gewinnen, muss das Militär daher Ausbildung, Herausforderungen und Projekte rund um Hightech, Digitalisierung und Robotik bieten.

Humanitäres Völkerrecht 

Hinter dem extrem gestiegenen Interesse an Robotik steht auch der Wunsch, die eigenen Soldatinnen und Soldaten zu schützen. Auf diese Weise hoffen die Generäle, Kosten und Verluste der militärischen Aktionen zu reduzieren und ihre Effizienz zu erhöhen. 

Doch bei der Forschung und Entwicklung neuer Waffensysteme testen Ingenieure die Grenzen und ethischen Schranken der Technologien aus. Denn mit der Digitalisierung befinden sich Waffentechnik, Fahrzeugentwicklung und Fahrzeugautomatisierung in einem epochalen Umbruch. Insbesondere bei der Integration von Digitaltechnik und Nutzung von Künstlicher Intelligenz ist eine Überprüfung der Waffensysteme nach Vorgaben von völkerrechtlichen Maßstäben wichtig.

Denn ohne Frage gilt das humanitäre Völkerrecht für alle Waffengattungen und Armeen rund um den Globus. Und dieses Recht setzt für viele denkbare Konzepte wichtige Grenzen.

Schon gewusst?

Das nukleare Wettrüsten scheint in eine neue Runde zu gehen. Die Vereinigten Staaten haben neue Atombombentests angekündigt – vorgeblich weil auch Russland in nukleare Waffen investiert und diese auch testet. Dies ist auch für Europa von Bedeutung, denn hier sind die Staaten auf den Schutzschirm der USA angewiesen. Ohne diesen Schutz müsste Europa mit der Arbeit an einer eigenen nuklearen Abschreckung beginnen. Der Aufbau einer Nuklearstreitmacht würde riesige Summen verschlingen, Staaten und Streitkräfte müssten eng zusammenarbeiten, um wirkmächtig atomar abzuschrecken. Experten gehen davon aus, das dies unrealistisch ist. Denn Europa hat weder die notwendige Zeit noch das erforderliche Know-how. Eine Schwäche, die sich deutlich bei aktuellen Verhandlungen zeigt. Russland und auch die USA drohen mit Atomwaffen: Präsident Putin variiert seine Drohungen mal mit, mal ohne den Einsatz von Atomschlägen. Offensichtlich ist es eines seiner wichtigen Ziele, mit diesen Drohgebärden der Ukraine die Unterstützung zu entziehen. Andererseits hat die Abschreckung der USA in den vergangenen Jahren dabei geholfen, die russischen Truppen von den NATO-Staaten fernzuhalten.