Der Standort Deutschland braucht  zuverlässige und günstige Energie.
Der Standort Deutschland braucht zuverlässige und günstige Energie. iStock / kynny

Wettbewerbsfähigkeit Deutschland

Zwischen Rückstand und Aufbruch

Um seinen Wohlstand zu bewahren, muss Deutschland wieder wettbewerbsfähiger werden. Neben Innovation, Investition und Motivation darf ein weiterer Erfolgsfaktor dabei nicht vergessen werden – die Kommunikation. Denn neue exportfähige Produkte und Dienstleistungen sowie Lösungen für die großen Herausforderungen dieser Zeit werden nur entstehen, wenn im Schulterschluss aller Akteure geeignete Rahmenbedingungen am Standort geschaffen werden.

Michael Gneuss
· 2026
Erschienen in

Smart Future

am 27. Juli 2026 in „Handelsblatt“
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Schwache Konjunktur, steigende Kosten, marode Infrastruktur und internationaler Wettbewerbsdruck stellen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vor Aufgaben, die keinen Aufschub mehr dulden. Gleichzeitig sind nach wie vor die Energie- sowie die...

Es gibt eine Vielzahl von Wirtschaftsforschenden, die darauf verweisen, wie wichtig die Kommunikation zwischen Politik und Unternehmen im Standortwettbewerb ist. Beispielsweise meint Klaus Schwab, der Gründer des World Economic Forum (WEF), dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gar nicht anders gelöst werden können. Und Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, betont, dass die deutsche Wirtschaft in den letzten 80 Jahren immer dann erfolgreich war, wenn Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politik vertrauensvoll zusammengearbeitet haben.

In der Zukunft wird dieser Aspekt noch wichtiger werden. Denn die Herausforderungen am Standort Deutschland im Hinblick auf die geopolitische Lage, neue Technologien und den Klimaschutz sind deutlich komplexer geworden. Innovation wird daher immer weniger hinter einzelnen Werkstoren, sondern in Ökosystemen aus zahlreichen Partnern stattfinden. Die Politik spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn sie muss die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. 

Rahmenbedingungen für Dekaden

Diese Rahmenbedingungen können nur im Dialog entstehen. Und der Austausch zwischen Gesetzgebung und Wirtschaft darf dabei nicht nur die nächsten zwei oder drei Jahre thematisieren, sondern die Chancen und Risiken einer ganzen Dekade oder eines noch längeren Zeitraums. Zum Beispiel wird für die Zukunft der Autoindustrie letztlich nicht die Elektromobilität zur Überlebensfrage, sondern das autonome Fahren. Dafür müssen Anwendungen und Märkte rechtlich möglich gemacht werden. Für die künstliche Intelligenz gilt Ähnliches. 

Heute bremsen oder stoppen wir Innovation durch Überregulierung oder Untätigkeit. Dabei ist nicht nur die Fähigkeit zu kommunizieren abhandengekommen, sondern auch die zuzuhören. Das war mal anders. Mit „Made in
Germany“ ist über Jahrzehnte hinweg eine Marke für den Standtort Deutschland entstanden, zu der ein breites Bündnis von Akteuren beigetragen hat. Qualität aus den Unternehmen, Bildung aus dem staatlichen Sektor, Innovation aus der Wissenschaft und der soziale Frieden aus der Tarifautonomie machten unter anderem die Werte aus, die hinter dem Label standen, das letztlich auch für das deutsche Wirtschaftswunder stand. 

Eine neue Marke für den Standort

Auch heute stehen wir in Deutschland vor großen Herausforderungen. Die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, neue Technologien verschieben Märkte, der Klimawandel erfordert Lösungen, die demografische Entwicklung schränkt unsere Möglichkeiten ein. „Made in Germany“ ist abgegriffen. Einzelne Standorte in den Regionen, Deutschland insgesamt und auch die EU müssen sich neu erfinden. Es gilt, neue Labels zu kreieren, deren Werte zu kommunizieren und Vertrauen für sie zu schaffen. 

Am Beispiel der Nachhaltigkeit erkennt man, wie die unzulängliche Kommunikation zwischen Politik und Wirtschaft die Chancen für Unternehmen ausbremst. Laut dem Sustainable Economy Barometer 2026, einer repräsentativen Befragung von 2.500 privatwirtschaftlichen Entscheidungsträgern, wird Nachhaltigkeit mittlerweile von den befragten Unternehmern mehrheitlich als Chance begriffen. Fast zwei Drittel, 65,1 Prozent, sehen sie als Treiber für langfristigen Unternehmenserfolg, ein Plus von sieben Prozentpunkten gegenüber der letzten Befragung im Jahr 2023. Mehr als die Hälfte, 53,7 Prozent, sind überzeugt, dass Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsstrategie langfristig nicht wettbewerbsfähig bleiben. Und 56,4 Prozent messen einer klimaneutralen Wirtschaft hohe Bedeutung für den Standort Deutschland bei, zehn Punkte mehr als noch 2023.

Wettbewerbsfähigkeit Deutschland: Politische Debatte als Hindernis

So klar dieses Bekenntnis ausfällt, so deutlich benennen die Befragten aber auch die Hindernisse: 56,6 Prozent halten die wiederkehrende politische Debatte über eine Verschiebung der Klimaziele für wirtschaftlich schädlich, 64,1 Prozent wünschen sich Verlässlichkeit der Klimaziele bis 2045 als Grundlage für Investitionsentscheidungen. Besonders gravierend: 72,5 Prozent geben an, dass rechtliche Unsicherheiten rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten Investitionen verzögern. Und 59,3 Prozent fühlen sich bei der Transformation nicht ausreichend unterstützt. Nicht fehlende Ambition also bremst die Wirtschaft, sondern fehlende Kommunikation und mangelndes Vertrauen zwischen den Sektoren. 

Gerade bei der Mobilitätswende ist dies zu spüren. Hier ist der grundsätzliche Wandel längst eingeleitet, doch Ladeinfrastruktur, Netzanschlüsse und regulatorische Leitplanken hinken dem Bedarf hinterher. Für eine Industrie, die über Jahrzehnte ihre Stärke aus dem Verbrennungsmotor bezogen hat, ist der Umbau eine Zäsur – wirtschaftlich wie kulturell. Zugleich eröffnet gerade dieser Umbruch neue Chancen: für Zulieferer, die sich neu erfinden, für Software- und Batteriekompetenz made in Europe sowie für eine Mobilität, die stärker vernetzt, effizienter und CO2-ärmer wird, wenn Politik und Wirtschaft an einem Strang ziehen.

Bei der Energiewende war es zunächst der Schulterschluss zwischen Gesetzgebung und Realisierung in der Wirtschaft, die dafür gesorgt hat, dass die erneuerbaren Energien, allen voran Sonne und Wind, kontinuierlich ausgebaut wurden. Doch der Ausbau und vor allem die Digitalisierung der Netze sowie der Aufbau ausreichender Speicherkapazitäten sind nicht in gleichem Tempo mitgewachsen, sodass die Infrastruktur für die dezentralen, schwankungsanfälligen Energiequellen noch weit hinter den Erfordernissen zurückbleibt. Je länger es aber dauert, Deutschland unabhängig von fossilen Energieträgern zu machen, desto länger bleiben wir anfällig für geopolitische Verwerfungen. Damit bleiben wir auch als Wirtschaftsstandort verwundbar. Hier besteht eine Chance, mit besserer Kommunikation für bessere Standortbedingungen zu sorgen.

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Es gilt, neue Labels zu kreieren, deren Werte zu kommunizieren und Vertrauen für sie zu schaffen.