In der Digitalisierung der Industrie liegen große Chancen für Deutschland.
In der Digitalisierung der Industrie liegen große Chancen für Deutschland. iStock / gorodenkoff

Wirtschaftsstandort Deutschland

Tempo für den Standort

Deutschland steht an einem Kipppunkt: Im internationalen Ranking fällt das Land zurück. Doch zwischen Krisenstimmung und Aufbruch zeigt sich, mit welchen Hebeln Unternehmen zukunftsfähig bleiben. Entscheidend sind Innovationskraft, Resilienz, Digitalisierung und eine Kommunikation, die Vertrauen schafft. 

JB
· 2026
Erschienen in

Smart Future

am 27. Juli 2026 in „Handelsblatt“
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Schwache Konjunktur, steigende Kosten, marode Infrastruktur und internationaler Wettbewerbsdruck stellen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vor Aufgaben, die keinen Aufschub mehr dulden. Gleichzeitig sind nach wie vor die Energie- sowie die...

Produktionszahlen oder Exportquoten allein reichen längst nicht mehr, um die Zukunftsfähigkeit eines Landes zu beschreiben. Das aktuelle IMD World Competitiveness Ranking macht deutlich, dass starke Institutionen, verlässliche Regeln und Anpassungsfähigkeit in einer fragmentierten Welt zu zentralen Standortvorteilen werden. Die Bundesrepublik verliert im aktuellen Vergleich von 70 Volkswirtschaften vier Plätze und liegt nur noch auf Platz 23. An der Spitze stehen Singapur, Hongkong und die Schweiz. Schwach schneidet der Standort Deutschland bei öffentlichen Finanzen, internationalen Investitionen und der Infrastruktur ab, während hohe Arbeitskosten und überbordende Regulierung das Bild zusätzlich eintrüben. 

Für Unternehmen heißt das: Sie können nicht warten, bis alle Rahmenbedingungen ideal sind. Wer bestehen will, muss Produktivität anheben, Prozesse verschlanken und sich unabhängiger von einzelnen Märkten, Lieferanten und Technologien machen. Zugleich bleibt der Staat gefordert: Investitionen entstehen dort, wo Genehmigungen schneller, Netze belastbar, Steuern berechenbar und digitale Verwaltung selbstverständlich sind. Der Standort braucht also weniger Klagen über Schwächen als vielmehr einen klaren Blick auf wirksame Hebel.

Innovation braucht Struktur

Dazu zählt die Innovationskraft. Ausgerechnet hier gerät Deutschland ins Stocken. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass nur noch 13 Prozent der Unternehmen zur innovationsstarken Spitze zählen; 2019 waren es noch rund ein Viertel. Zugleich ist der Anteil innovationsschwacher Betriebe auf fast 40 Prozent gestiegen. Das ist gefährlich, weil Innovation nicht erst im Labor beginnt, sondern im Alltag: bei besseren Produkten, neuen Services, effizienteren Abläufen und Geschäftsmodellen. Das German Innovation Spotlight 2026 zeigt, wo es hakt. Zwar halten 85 Prozent der befragten Unternehmen Innovation für wichtig oder sogar überlebenswichtig und 72 Prozent haben sie in ihrer Strategie verankert. Doch nur gut die Hälfte steuert Innovation über klar definierte Prozesse, nur ein Drittel über Kennzahlen. Der Wille ist also größer als die Umsetzungskraft. Unternehmen brauchen deshalb Innovationsroutinen: Budgets, Verantwortliche, Testfelder, Kooperationen mit Start-ups und Hochschulen sowie eine Kultur, die Pilotprojekte skaliert. Aus Ideen müssen belastbare Systeme werden. Doch selbst gute Ideen helfen wenig, wenn Betriebe schon an unerwarteten Störungen scheitern.

Wirtschaftsstandort Deutschland: Resilienz zeigen

Damit rückt ein zweiter Hebel in den Fokus, und zwar die Fähigkeit, Störungen auszuhalten. Gemeint ist Resilienz: die Expertise, nach Krisen nicht nur wieder handlungsfähig, sondern besser vorbereitet zu sein. Das betrifft Energie, Rohstoffe, IT, Logistik oder Personal. Besonders deutlich wird dies bei der Cybersicherheit. Das Beratungsunternehmen PwC verweist in die Digital Trust Insights 2026 darauf, dass 89 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen drei Jahren von einem Datenangriff betroffen waren. Dennoch investieren nur etwa 15 Prozent gezielt in proaktive Sicherheits- und Resilienzmaßnahmen. Denn Prävention allein reicht nicht mehr. Unternehmen brauchen Notfallpläne, klare Verantwortlichkeiten, Backups, Übungen und Transparenz über Abhängigkeiten. Ein weiterer Baustein mit Blick auf das Thema Resilienz ist das Thema Kreislaufwirtschaft. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) und der Boston Consulting Group zeigt, dass Recycling und Wiederverwendung bis 2045 etwa 20 bis 40 Prozent strategischer Rohstoffimporte ersetzen könnten. Wer repariert, Materialien wiederverwendet, aufbereitet und digital verfolgt, schützt nicht nur Ressourcen, sondern auch Margen und Lieferfähigkeit.

Digitalisierung wird Chefsache

Aus dieser Robustheit folgt der nächste Hebel: der gezielte Einsatz digitaler Lösungen. Der Digitalverband Bitkom meldet in diesem Jahr, dass 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten bereits künstliche Intelligenz nutzen, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Binnen eines Jahres hat sich der Anteil der aktiven Nutzer damit mehr als verdoppelt. Von den KI-nutzenden Unternehmen sagen 77 Prozent, ihre Wettbewerbsposition habe sich verbessert; 52 Prozent berichten von einem messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg. Doch die Studie zeigt auch eine Lücke: Große Unternehmen nutzen KI deutlich häufiger als der klassische Mittelstand, der oft an Datenschutzfragen, Fachkräftemangel und fehlenden Strukturen scheitert. Eine smarte Zukunft gelingt dabei jedoch nicht durch den bloßen Einkauf von Software, sondern durch kontinuierliche Investitionen in Datenqualität, Schnittstellen, Automatisierung, Cloud und Kompetenzen. Wer Digitalisierung nur punktuell betreibt, optimiert Insellösungen. Wer sie strategisch führt, -verändert Wertschöpfung.

Sichtbarkeit schafft Vertrauen

Am Ende zählt auch, ob Kunden, Partner und Mitarbeitende begreifen, wofür ein Unternehmen steht. In einer Zeit knapper Aufmerksamkeit reicht es nicht, innovativ, nachhaltig oder digital zu sein. Man muss es glaubwürdig erklären können. Kommunikation wird damit Teil der Strategie. Neukundengewinnung, Kundenbindung und Vertrauensaufbau zählen hierbei zu den zentralen Zielen. Unternehmen sollten außerdem genauer auswählen, wo sie sichtbar sind: Fachmedien, regionale Wirtschaftsformate, Podcasts, Newsletter, Events, LinkedIn oder auch im Radio. Ein konsistenter Auftritt in sorgfältig ausgewählten Medien schafft genau diese mentale Verfügbarkeit. Zukunftsfähigkeit entsteht damit aus dem Zusammenspiel aller vier Hebel: Innovation, Resilienz, Digitalisierung und Kommunikation. Deutschland hat die Substanz. Es kommt darauf an, sie entschlossen zu nutzen.

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Zahl zum Staunen

410 Milliarden Euro

veranschlagt der BDI allein für den Umbau des Energiesystems – eine zentrale Voraussetzung für die Transformation der deutschen Industrie bis 2030.

Quellen: IW Köln; BCG, 2024